Nach 47 Jahren keimt in Italien wieder Hoffnung: Könnte es nach dem polnischen Johannes Paul II., dem deutschen Benedikt XVI. und dem argentinischen Franziskus endlich wieder ein Italiener auf den Stuhl Petri schaffen? Viele italienische Gläubige – und nicht wenige Kardinäle – würden das begrüßen. Und tatsächlich: Die beiden Italiener Pietro Parolin und Matteo Zuppi zählen aktuell zu den meistgenannten Favoriten für die Nachfolge von Papst Franziskus.
Doch ganz so einfach ist es nicht. Denn Franziskus hat in den zwölf Jahren seines Pontifikats die Gewichte im Kardinalskollegium deutlich verschoben – weg vom reichen Norden, hin zu den dynamisch wachsenden Kirchen Afrikas, Asiens und Lateinamerikas. Dort, wo die katholische Kirche heute wächst, hat er Kardinäle ernannt – nicht selten aus entlegenen Diözesen, weitab vom römischen Zentrum. 110 der aktuell 140 wahlberechtigten Kardinäle stammen aus seinen Ernennungen – das sind fast 80 %. Knapp die Hälfte von ihnen kommt aus dem globalen Süden.
Franziskus war kein revolutionärer Reformer – zu groß ist die Trägheit der Institution. Aber er war ein Wegbereiter: Er hat die Türen geöffnet, den Blick geweitet und die katholische Kirche sichtbarer in jene Weltgegenden verlagert, in denen sie noch Kraft entfaltet. Seine Personalentscheidungen waren damit nicht nur symbolisch, sondern richtungsweisend.
Und doch deutet vieles darauf hin, dass sein Nachfolger eher wieder konservativere Töne anschlagen wird. Viele der von Franziskus ernannten Kardinäle sind theologisch moderat bis traditionell geprägt – ihre Nähe zu ihm war oft eher pastoraler als programmatischer Natur. In einem Klima wachsender Polarisierung in der Weltkirche könnte der neue Papst als Brückenbauer auftreten, aber auch als Korrektiv.
Die Favoriten im Überblick:
- Pietro Parolin (70, Italien): Der mächtige vatikanische Staatssekretär gilt als pragmatischer Diplomat mit besten Beziehungen weltweit. Ein Mann des Apparats, aber ohne starkes theologisches Profil.
- Matteo Zuppi (69, Italien): Erzbischof von Bologna, Präsident der italienischen Bischofskonferenz und Hoffnungsträger der Reformkräfte. Engagiert für soziale Gerechtigkeit, offen im Dialog.
- Luis Antonio Tagle (67, Philippinen): Lange als „Papst der Zukunft“ gehandelt, zuletzt etwas aus dem Fokus geraten. Charismatisch, volksnah, theologisch gemäßigt.
- Péter Erdő (72, Ungarn): Intellektuell brillant und traditionsverbunden – ein Vertreter des konservativen Flügels, der besonders im Osten Europas Rückhalt hat.
- Peter Turkson (76, Ghana): Engagiert in Umwelt- und Sozialfragen, würde als erster schwarzer Papst ein starkes Zeichen setzen – doch sein Alter könnte gegen ihn sprechen.
- Fridolin Ambongo (65, Kongo): Lautstark gegen Korruption und soziale Ungleichheit, mit wachsendem Profil als afrikanischer Kirchenführer.
- Mario Grech (68, Malta): Organisator der weltweiten Bischofssynode – ruhig, ausgleichend, mit Sinn für Reform im Dialog.
- Pierbattista Pizzaballa (60, Italien): Patriarch von Jerusalem, erfahren im interreligiösen Dialog – wird genannt, obwohl er selbst seine Kandidatur ablehnt.
Das nächste Konklave wird nicht nur einen neuen Papst wählen – es wird entscheiden, ob die Öffnungen unter Franziskus fortgeführt oder in ein neues Gleichgewicht überführt werden. Ob Italien wieder die Krone bekommt, bleibt offen. Sicher ist nur: Der nächste Papst wird mehr sein als ein geistliches Oberhaupt – er wird ein Signal setzen für die Zukunft der Weltkirche.

