Gestern

Gestern

Was schwere chronische Krankheiten anrichten

Gestern war für mich einer der schlimmsten Tage dieses Jahres. Genauer gesagt, der schlimmste Tag außerhalb meiner beiden Krankenhausaufenthalte.

Für alle, die neu hier sind und nicht wissen, worum es geht:

Ich leide seit etlichen Jahren an einer manifestierten Neuroborreliose, die mein Nervensystem betrifft und bei mir zu fortschreitenden bzw. bleibenden neurologischen Einschränkungen geführt hat – und weiterhin führt. Hinzu kam Anfang 2024 eine zweite Covid-Infektion – von der ersten habe ich so gut wie nichts gemerkt. Die zweite aber war umso heftiger und hat bei mir das hinterlassen, was man landläufig als ‚Post Covid‘ bezeichnet. Herauskristallisiert hat sich daraus bei mir vor allem die Myalgische Enzephalomyelitis, das Chronische Fatigue-Syndrom (ME/CFS). Ich bin nicht mehr arbeitsfähig, da ich meinen Körper und oft auch meinen Geist nicht mehr als zwei bis vier Stunden am Stück belasten kann – oder aber auch überhaupt nicht, so wie gestern.

Was gestern geschah:

Es ging mir schon am Samstag nicht wirklich gut – und „wirklich gut“ heißt für mich überlicherweise das, was die meisten wohl als Durchhänger, als „schlechten Tag“ bezeichnen würden. Bereits gegen 18 Uhr lag ich totmüde im Bett und bin – unter Schmerzmedikamenten – eingeschlafen.

Gegen zwei Uhr wachte ich auf, kribbelnde Schmerzen am gesamten Körper. Ein Gefühl, als ob ich lebendig in einen Ameisenhaufen geworfen worden wäre – eine gängige Foltermethoden indigener Stämme. Man kann es auch so beschreiben, als ob ich an Kriechstrom angeschlossen bin, und die gesamte Zeit über kontinuierlich Strom durch meinen Körper fließt.

Ich konnte nicht mehr liegen, nicht sitzen, nicht stehen.

Dieses Gefühl ist eine Qual, die ich meinem ärgsten Feind nicht wünschen würde.

Starke, opiode Schmerzmedikamente und viel Wasser haben das Ganze zumindest soweit in den Griff bekommen, dass ich liegen konnte. Jede Bewegung, jede Drehung, verursachte höllische Schmerzen.

Lesen, fernsehen, chatten – nicht daran zu denken. Jedes Geräusch schmerzt, mein Schlafzimmer ist weitestgehend abgedunkelt. Auch tagsüber.

Zwei mal war ich kurz davor, den Notarzt zu rufen.

Aber was soll er tun?

Die einzige Möglichkeit, mich überhaupt aus dem Haus, in den Rettungswagen und dann ins Krankenhaus zu schaffen, ohne dass ich vor Schmerzen durchdrehe, wäre, mich vollständig zu sedieren.

Und genau das wäre auch das, was im Krankenhaus folgt – so war es bisher immer, und so wäre es auch diesmal gewesen.

Warum? Weil es gegen diese Erkrankung, in dieser Form und Intensität, keine Heilung gibt. Ärztlicherseits bin ich – gutachterlich in schönstem amtsdeutsch bestätigt – „austherapiert, die weitere Behandlung erfolgt kein palliativ.“ Behandelt werden also nur noch die Schmerzen – nicht mehr das Krankheitsbild. Denn dagegen gibt es leider nichts, und die Forschungsgelder dafür sind ein Witz.

Nach meinen bisherigen Krankenhausaufenthalten hätte man dort letztlich vor allem versucht, die Schmerzen mit starken Schmerzmitteln, unter anderem Morphin, zu kontrollieren. Das aber ist für mich im Anschluss sehr aufwändig und mit zusätzlicher, erheblicher Belastung zu meiner eh schon schwierigen, gesundheitlichen Situation hätte ausschleichen müssen.

Solange die Schmerzen gerade noch erträglich sind, ertrage ich sie – in dem Wissen: Es wird wieder besser werden. Ich muss nur durchhalten.

Nach völliger Erschöpfung bin ich heute in den frühen Morgenstunden eingeschlafen.

Und wie fühle ich mich heute?

Wie mit einer Mischung aus einem heftigen Muskelkater und einer leichten Gehirnerschütterung. Dank der Schmerzmedikamente ist es erträglich. Ohne geht sowieso gar nichts mehr. An keinem Tag.

Morgen wird es wieder besser sein.

Tschakka!


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert