Es gibt diese kleinen Momente im Alltag, die einen mehr beschäftigen, als man zunächst denkt. Einer davon: der Blick auf ein Kartenlesegerät. Früher zeigte es schlicht den zu zahlenden Betrag an. Heute erscheint immer häufiger zuerst eine Trinkgeld-Auswahl – 10 %, 15 %, 20 %, manchmal sogar 25 oder 30 %. Große Buttons, freundlich formuliert, oft mit einem dezenten Countdown des sozialen Drucks im Hintergrund. Und plötzlich steht man da, während hinter einem die nächsten Kunden warten, und fragt sich: Bin ich jetzt geizig, wenn ich auf „Kein Trinkgeld“ drücke?


Besonders bemerkenswert ist dabei, dass diese Praxis längst nicht mehr auf Restaurants oder Bars beschränkt ist. Mittlerweile begegnen einem solche Trinkgeldabfragen beim Bäcker, im Einzelhandel und – ich musste tatsächlich zweimal hinschauen – sogar in einer Apotheke. Der Gedanke dahinter scheint klar: Wenn man dem Kunden die Möglichkeit direkt und prominent präsentiert, wird schon etwas hängenbleiben. Psychologisch funktioniert das vermutlich hervorragend.
Doch genau hier beginnt für mich das Problem.


In den USA hat das Trinkgeldsystem eine völlig andere Bedeutung als bei uns. Dort ist Trinkgeld kein kleines Dankeschön für guten Service, sondern oft ein elementarer Bestandteil des Einkommens. Servicekräfte erhalten teilweise nur einen minimalen Stundenlohn oder leben faktisch fast ausschließlich von den Tips. Deshalb gelten dort 15 bis 20 Prozent als obligatorisch – selbst dann, wenn der Service alles andere als überzeugend war. Das mag man kritisch sehen, aber es ist Teil eines gewachsenen Systems, das man als einzelner Gast kaum verändern kann.


In Deutschland war die Idee hinter dem Trinkgeld traditionell eine andere. Hier erhalten Beschäftigte zumindest den gesetzlichen Mindestlohn, oft auch darüber hinausgehende Bezahlung. Trinkgeld war deshalb ursprünglich genau das, was der Begriff ausdrückt: eine freiwillige Anerkennung. Eine kleine Geste für Freundlichkeit, Aufmerksamkeit oder außergewöhnlich guten Service. Üblich waren vielleicht fünf bis maximal zehn Prozent – und selbst das nicht automatisch.
Heute scheint sich jedoch zunehmend die Erwartungshaltung zu verändern. Aus einer freiwilligen Anerkennung wird schleichend eine soziale Verpflichtung. Und zwar unabhängig davon, ob die Leistung überhaupt überzeugend war.


Ich erinnere mich an einen Restaurantbesuch mit Freunden, der leider in jeder Hinsicht ein Negativbeispiel war. Getränke wurden verwechselt oder mehrfach vergessen. Eine Vorspeise kam falsch an den Tisch, später auch ein Hauptgericht. Beim Dessert fehlte schließlich der bestellte Espresso. Fehler passieren – keine Frage. Aber in der Summe war der Service schlicht grottig. Umso erstaunter waren wir, als beim Bezahlen tatsächlich der Hinweis kam, dass „hier schon mindestens zehn bis fünfzehn Prozent Trinkgeld üblich“ seien.


Offen gesagt empfand ich das als übergriffig. In diesem konkreten Fall sogar als unverschämt.


Denn ein Trinkgeld sollte niemals eingefordert oder moralisch erpresst werden. Es ist keine verpflichtende Servicepauschale durch die Hintertür. Wer Trinkgeld erwartet, unabhängig von der Qualität der Leistung, verändert die eigentliche Idee dahinter grundlegend. Anerkennung verliert ihren Wert, wenn sie zur Selbstverständlichkeit wird.


Natürlich verstehe ich, dass viele Beschäftigte in Gastronomie und Dienstleistungsbereichen keinen leichten Job haben. Arbeitszeiten, Stress, Personalmangel und oft auch der Umgang mit schwierigen Kunden sind belastend. Gute Arbeit darf und sollte honoriert werden. Ich gebe selbst gerne Trinkgeld, wenn ich mich gut aufgehoben fühle. Freundlichkeit, Aufmerksamkeit und Engagement verdienen Wertschätzung.


Aber genau darum geht es: verdienen.


Wenn heute schon beim simplen Kauf eines Brötchens oder beim kontaktlosen Bezahlen in Geschäften automatisch Trinkgeldvorschläge eingeblendet werden, entsteht zunehmend das Gefühl, dass weniger die Leistung honoriert werden soll als vielmehr die soziale Unsicherheit des Kunden ausgenutzt wird. Niemand möchte kleinlich wirken. Niemand möchte vor anderen demonstrativ auf „Kein Trinkgeld“ drücken. Genau mit diesem psychologischen Effekt arbeiten diese Systeme.


Vielleicht wäre es sinnvoll, sich wieder auf den ursprünglichen Gedanken des Trinkgelds zu besinnen: freiwillig, situationsabhängig und als echte Anerkennung für besondere Leistung. Nicht als stillschweigend erwartete Zusatzabgabe, die immer höhere Prozentzahlen fordert.


Denn wenn Anerkennung zur Pflicht wird, verliert sie am Ende ihren eigentlichen Wert.

Ein Meinungsbeitrag von Stefan Merten (Cogito)

Autor: Stefan Merten | Cogito


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