Ostern ist das höchste Fest im christlichen Kalender. Für viele Menschen bedeutet das Besinnung, Glaube, Tradition – für andere einfach ein paar freie Tage, Frühlingsspaziergänge, ein voller Ranzen und Schokoladeneier im Garten. Was auf den ersten Blick banal erscheinen mag, rührt an ein tiefgreifendes Thema unserer Gesellschaft: die Religionsfreiheit – garantiert durch Artikel 4 des Grundgesetzes – und die Frage, wie wir in einer zunehmend vielfältigen und säkularen Gesellschaft mit Religion umgehen wollen.
Religionsfreiheit – ein hohes Gut, keine Selbstverständlichkeit
In Deutschland ist die Freiheit des Glaubens ein Grundrecht. Jeder Mensch darf glauben, was er will – oder eben nicht. Diese Freiheit ist ein hohes Gut, das in vielen Ländern der Welt immer noch unterdrückt oder massiv eingeschränkt wird. Umso wichtiger ist es, dass wir in Deutschland sorgsam und ausgewogen damit umgehen.
Zur Religionsfreiheit gehört auch, dass niemand dafür benachteiligt oder bevormundet wird – weder gläubige Menschen noch Menschen, die sich bewusst gegen Glaube, Religion oder die Mitgliedschaft in einer Kirche oder Religionsgemeinschaft entscheiden. Denn Freiheit heißt auch: Wahlfreiheit. Und nicht zu vergessen: Um glauben zu können, bedarf es keiner steuerpflichtigen Bindung an eine Gemeinschaft oder Kirche.
Toleranz ist keine Einbahnstraße
Es ist richtig und wichtig, dass religiöse Menschen ihren Glauben leben können – in der Kirche, in ihrer Gemeinde, in ihrer Familie. Aber es ist genauso richtig, dass nicht-religiöse Menschen nicht ständig Rücksicht auf religiöse Vorschriften nehmen müssen, die sie selbst gar nicht betreffen.
Warum also dürfen Filme wie Monty Pythons „Life of Brian“ an einem Karfreitag nicht öffentlich gezeigt werden? Wer sich in seinem Glauben beleidigt fühlt, muss nicht ins Kino gehen. Und warum ist das Tanzen in geschlossenen Räumen am Karfreitag verboten – selbst wenn es niemanden stört? Es gibt keinen Zwang für gläubige Menschen, daran teilzunehmen. Diese Verbote entstammen einer Zeit, in der Kirche und Staat noch enger miteinander verflochten waren als heute. Zeitgemäß ist das nicht mehr.
Gesellschaft im Wandel: Die Kirche verliert Mitglieder
Ein Blick auf die Zahlen zeigt: Die großen Kirchen in Deutschland befinden sich seit Jahrzehnten im Sinkflug. 1990 gehörten noch rund 70 % der Bevölkerung der evangelischen oder katholischen Kirche an. 2023 waren es laut statistischem Bundesamt nur noch knapp 49 %. Jedes Jahr treten Hunderttausende aus den Kirchen aus – allein 2022 waren es über 900.000 Menschen. Und doch genießen die Kirchen weiterhin einen gesellschaftlichen Sonderstatus, als hätte sich seit den 1950-er Jahren nichts verändert.
Sie entsenden Vertreter in die Rundfunkräte öffentlich-rechtlicher Sender, wirken an Lehrplänen mit und nehmen Einfluss auf gesellschaftspolitische Debatten, von Ethik über Sexualität bis Sterbehilfe. Man kann sich fragen, wie legitim dieser Einfluss noch ist, wenn die christlichen Kirchen nicht mehr die Mehrheit der Gesellschaft vertreten.
Zeit für ein Update im Verhältnis von Staat und Religion
Das alles heißt nicht, dass Glaube und Religion aus der Gesellschaft verschwinden sollen. Im Gegenteil: Religion kann Halt geben, Gemeinschaft schaffen, Orientierung bieten. Aber sie darf nicht als Rechtfertigung dienen, anderen Menschen ihre Freiheit zu beschneiden – insbesondere dann nicht, wenn dadurch niemandem ein Schaden entsteht.
Auch das viel bemühte Argument, wer keine Religion wolle, solle auch auf kirchliche Feiertage verzichten, greift zu kurz. Feiertage sind längst Teil der gesellschaftlichen Ordnung – kulturell, nicht ausschließlich religiös. Der arbeitsfreie Tag ist kein Geschenk der Kirche, sondern Ausdruck gesellschaftlicher Vereinbarung. Und zur Religionsfreiheit gehört es eben auch, frei entscheiden zu dürfen, wie man mit religiösen Inhalten umgehen möchte.
Fazit: Freiheit braucht Fairness
„Leben und leben lassen“ – dieser Leitspruch trifft es auf den Punkt. Wer glaubt, soll glauben dürfen. Wer nicht glaubt, soll nicht gegängelt werden. Ein modernes, offenes Land muss diese Vielfalt aushalten und gestalten – ohne Bevormundung, ohne Rückschritt. Ostern kann dann für jeden das sein, was er oder sie daraus macht: Ein religiöses Fest, ein Familienwochenende oder einfach nur ein paar ruhige Tage.

